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Ein Klassiker
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Rezension bezieht sich auf: Die Abenteuer des Werner Holt: Roman einer Jugend (Taschenbuch) Es ist zu einer guten Tradition geworden, dass mein Freund aus dem Westen und ich (aus dem Osten) uns gegenseitig zum Geburtstag Bücher aus der eigenen Sammlung schenken. Wohlgemerkt, keine Kaufexemplare! Und wenn man dem Freund wirklich Respekt erweisen will, muss es natürlich entsprechende Qualität sein. Zu seinem letzten Geburtstag schenkte ich ihm die "Die Abenteuer des Werner Holt". Ich habe es doppelt, denn meine Frau hat es seinerzeit auch erworben. Kein Wunder, war es ja Pflichtlektüre in der DDR. Wenn ich es nur einmal gehabt hätte? Bitte, nicht solche gemeinen Fragen. Allerdings war ich doch skeptisch, mein Freund mag nach eigenem Befinden keine "Kriegsliteratur". Doch schon nach wenigen Tagen meldete er sich ziemlich euphorisch, das Buch sei ein "Hammer" und er habe es augenblicklich verschlungen...
Bevor der Roman in der Schule dran war, hatte ich ihn bereits durch. Damals war ich knapp 14. Es war/ist eines meiner Lieblingsbücher und entsprechend oft gelesen. Und es war eines der wenigen, vielleicht sogar das einzige Pflichtbuch, welches von der Mehrheit der Schüler ohne das obligatorische Murren und Meckern angenommen wurde.
Dieter Noll führt uns in die Provinz, eine betuliche Kleinstadt in Deutschland, an der bisher der bereits verlorene 2. Weltkrieg fast spurlos vorbei gegangen ist. Die Jungen scharren ungeduldig wie übermütige Pfohlen: sie wollen endlich in den Krieg. Sie wollen Helden sein, Kämpfen und Siegen. Und so beginnen die "Abenteuer des Werner Holt". Führen ihn von der Schulbank zur Flak-Ausbildung, zum ersten aber längst nicht letzten Toten, zu Drill und Schikane, zum stumpfsinnigen Kasernenalltag und schließlich an die Front.
Mittelpunkt der Handlung ist die Freundschaft zwischen Holt und Wolzow. Ist Holt eher der nachdenkliche Typ, der schon früh über den Tellerrand schaut, stellt Wolzow den aus einer Offiziersfamilie stammenden Söldner dar. Mit dem Nationalsozialismus haben beide nicht viel am Hut. Der durchaus liberale Holt nicht, noch der Haudrauf Wolzow. Der will nur kämpfen, egal für wen. Etwas weiter ostwärts könnte man ihn sich genausogut als draufgängerischen Rotarmisten vorstellen. Hier "treu" zum Führer, dort "treu" zu Stalin. Und während für Wolzow nur der Krieg das Maß aller Dinge ist, gerät Holt immer wieder in Gewissenskonflikte. Sehr gut in diesem Zusammenhang der Dialog zwischen ihm und den von den Nazis kaltgestellten Vater. Der einst erfolgreiche, aber regimekritische Wissenschaftler muss nun drittklassige Arbeiten verrichten. Holt schämt sich fast für seinen Vater und kann/will nicht glauben, was der ihm berichtet. Später wird er die schrecklichen Verbrechen selbst erleben (Sägemühle, KZ-Häftlinge). Holt liebt, leidet und schwankt. Wolzow, der vermeintlich "Starke" lässt Gefühle als Ausdruck von Schwäche nicht zu. Holt schafft das nicht, will es auch nicht. So kann er letztlich überleben, Wolzow nicht.
Es gibt noch einen 2. Teil, eine Fortsetzung der Abenteuer. Leider reicht dieser nicht an Teil 1 heran. Aber das sollte jeder Leser selbst ausprobieren. Erwähnenswert ist noch die DEFA-Verfilmung mit Klaus-Peter Thiele als Werner Holt. Eine Idealbesetzung und die Rolle seines Lebens! Oft soll Thiele statt des Namens mit "Das ist doch der, der Werner Holt gespielt hat" angesprochen worden sein. Ein größeres Zuschauerkompliment kann es wohl nicht geben. Auch die anderen Charaktere sind sehr gut besetzt und gleichen einige Schwächen des Films aus.
Wiegesagt war der Roman Pflichtlektüre in der DDR. Er sollte das im vereinigten Deutschland auch sein.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 14. Oktober 2003 |