Die weiße Garde. (Broschiert)
von Michail Bulgakow, Ralf Schröder, Larissa Robine


 
Keine Zeit für Helden
• • • • •   (bewertet mit 5 von 5 Punkten)

"Die weiße Garde" nimmt in gewisser Weise eine Sonderstellung in Bulgakows Gesamtwerk ein: Man liest hier keine Groteske, keine irrwitzige Satire auf den real existierenden Sozialismus, blickt nicht in die schwindelerregenden Abgründe der menschlichen Seele, sondern man liest einen historischen Roman -- aber keinen gewöhnlichen historischen Roman. Bulgakow kann auch hier nicht verleugnen, dass er ein Meister des Phantastischen ist.
Die Handlung der "Weißen Garde" ist auf jenen kurzen Zeitraum des Jahres im Winter 1918/19 begrenzt, in dem sich das Schicksal kiews und der Ukraine entscheiden sollte: Der Roman beginnt mit dem Abzug Skoropadskis, des Hetmans von deutschen Gnaden, am 12. Dezember 1918; es folgt das Regiment Petljuras. Dessen Soldateska, die ukrainische Rada, wird schließlich Anfang Februar 1919 von der Roten Armee aus Kiew verjagt (dies nur die historischen Eckpunkte). Außerdem mischen immer wieder deutsche und polnische Militärverbände mit, und obendrein ist Kiew ein Zentrum der "Weißen": Adlige, Bankiers, Lebedamen, ehrenhafte und weniger ehrenhafte "Bürger" harren hier aus und fürchten die "Roten" -- ein wahrer Hexenkessel an Temperamenten und Weltanschauungen brodelt vor sich hin. Eine Lage also, wie sie unübersichtlicher kaum sein könnte.
Ins Zentrum der Ereignisse versetzt Bulgakow die zarentreuen Geschwister Turbin, die zunächst in geradezu grotesker Verkennung der Situation den Geist von Borodino aufrechterhalten wollen und die erst allmählich, jeder für sich und jeder auf seine Art, die Lage neu beurteilen. Und auch sonst betont Bulgakow den Unterschied zum sieg- und glorreichen Jahr 1812: Diesmal gibt es kein einiges Russland, sondern ein Russland, in dem sich stündlich die Machtverhältnisse ändern können, in dem Überläufer zum Regelfall werden, in der unerfahrene junge Kadetten verheizt werden, in dem eine Partei die andere niedermetzelt, auch wenn man tags zuvor noch verbündet war. Keine Zeit für Helden diesmal.
Wie bereits erwähnt, ist "Die weiße Garde" kein historischer Roman im üblichen Sinne, und schon gar nicht ein Historienschinken. Die Geschichte der Turbins und mit ihnen die Geschichte Kiews wird aus allen möglichen Perspektiven präsentiert. Bulgakow versteht es meisterhaft, den verschiedenen Figuren Leben einzuhauchen, keine einzige wird als Sprachrohr einer typisierten Ideologie missbraucht. Stattdessen taucht man ein in die Erlebnisse und Weltanschauungen der Träumer, der resignierten Denker, der heillosen Idealisten, der Fanatiker und Zyniker... Jede Figur ist unverwechselbar und prägt sich dem Gedächtnis des Lesers ein.
"Die weiße Garde" hat mit dem "Meister und Margarita" nicht viel gemeinsam -- aber eine Gemeinsamkeit gibt es bestimmt: Beide Romane gehören zum Besten, was jemals in den betreffenden Genres geschrieben worden ist.
Eine Rezension von weiser111
vom 22. Januar 2006
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